Windows 8

Bisher konnte man mich als “Early Adopter” bezeichnen, was den Wechsel auf das jeweils neueste Microsoft-Betriebssystem angeht. Die einzige Ausnahme stellt Windows XP dar, auf das ich erst nach Erscheinen des ersten Service-Packs von Windows 2000 umgestiegen bin. Sogar das viel gescholtene Windows Vista habe ich die drei Jahre bis Windows 7 zufrieden eingesetzt, da es für mich durchaus relevante Neuerungen bot, allem voran das neue Audiosystem. Nun steht Windows 8 vor der Tür, aber ich bin alles andere als enthusiastisch, nachdem ich die finale Ausgabe nun ausgiebig getestet habe. Windows 8 wird das erste Microsoft-Betriebssystem sein, das ich sehr wahrscheinlich nicht nutzen werde.

Der Grund dafür hat einen Namen: “Metro”, bzw. nun offiziell “Modern UI”. Damit ist die neue Bedienoberfläche gemeint, die parallel zum altbekannten Desktop eingeführt wurde. Hierbei handelt es sich um eine für Tablets und Touch-Bedienung optimierte Oberfläche, die stark an Smartphone- und Tablet-Betriebssysteme wie Googles Android oder Apples iOS angelehnt ist. Sie zeichnet sich durch große und optisch einfach gehaltene Bedienelemente aus, damit man sie mit den Fingern und dazugehörigen Gesten leicht bedienen kann.

Microsoft möchte mit Windows 8 den Sprung in den Tablet-Markt schaffen, der bisher von Android und iOS dominiert wird. An der Idee ist grundsätzlich nichts verkehrt. Ein Tablet-PC mit x86-Architektur und Windows 8 würde bedeuten, dass man einserseits eine dafür optimierte Oberfläche hat, aber gleichzeitig auch beliebige Windows-Desktop-Anwendungen installieren kann. Das erweitert die Möglichkeiten eines herkömmlichen Tablet-PCs, der bisher rein auf übliche “Apps” angewiesen ist, enorm und gibt einem solchen Gerät vor allem mit zusätzlich angeschlossener Tastatur und Maus ganz neue Möglichkeiten. Windows 8 lässt sozusagen zwei bisher völlig getrennte Welten verschmelzen. Auf mobilen Geräten sehe ich Windows 8 daher als absoluten Gewinn, da die eher eingeschränkte Touch-Oberfläche um den kompletten Windows-Desktop erweitert werden kann.

Bei Desktop-PCs sehe ich das aber ganz anders. Bei PCs, die nur mit Maus und Tastatur zu bedienen sind, ist eine Oberfläche, die für Tablets und Touch-Bedienung optimiert ist, ziemlich fehl am Platz. Zum einen erscheinen die Bedienelemente unnötig groß und klobig. Zum anderen sind intuitive Touch-Gesten mit der Maus weitaus weniger bequem zu realisieren. Das wäre aber alles kein Problem, wenn die neue Oberfläche auf einem Desktop-PC rein optional wäre. Doch genau das ist sie leider nicht. Und hier setzt meine Kritik an. Windows 8 ist durchzogen von der neuen Oberfläche und zwingt seine Nutzer dazu, sie zu nutzen. Es gibt keine (versteckten) Möglichkeiten mehr, ein Verhalten wie in früheren Windows-Versionen wiederherzustellen. Dies betrifft konkret:

Startmenü
Das Startmenü, das wir seit Windows 95 kennen, wurde entfernt und durch einen Vollbild-Startbildschirm im Tablet-Look ersetzt. Dieser besteht vor allem aus sog. Kacheln (wie bei Windows Phone), also großen quadratischen und rechteckigen Schaltflächen, über die man nun Apps und Programme startet.

Windows 8 Startbildschirm

Startknopf
Der Startknopf unten links wurde entfernt. Man öffnet den Startbildschirm aber weiterhin per Klick in die linke untere Ecke oder per Druck der Windows-Taste.

Desktop als App
Windows lädt nach der Anmeldung nicht mehr direkt den Desktop, sondern den Startbildschirm. Man gelangt auf den Desktop, indem man auf die entsprechende Kachel klickt.

Anmelde-, Sperr- und Strg+Alt+Entf-Bildschirm
Diese Bildschirme sind ansich unabhängig von Desktop oder neuer Bedienoberfläche, sind aber optisch an die neue Oberfläche angepasst.

Windows 8 Anmeldebildschirm

Windows 8 Strf+Alt+Entf-Bildschirm

Benutzereinstellungen
Diverse nutzerkontenbezogene Einstellungen wie Nutzerkontenbild oder Passwort werden nun ausschließlich in einer separaten App vorgenommen.

Windows 8 PC-Einstellungen

Datei mit anderem Programm öffnen
Will man einen bestimmten Dateityp mit einem anderen Programm öffnen, so taucht kein normales Windows-Fenster mehr auf, über das man das Programm wählen kann, sondern eine Einblendung im Stil der neuen Oberfläche. Man schließt diese Einblendung, indem man einfach woanders hinklickt.

Windows 8 Öffnen-mit-Dialog

Viele Standardprogramme sind zunächst Apps
Standardmäßig sind Mediendateiformate wie Bilder, Videos und Audiodateien mit Apps der neuen Oberfläche verknüpft. D.h. wenn man im File Explorer (ehemals Windows Explorer) auf eine JPEG-Datei doppelklickt, öffnet sich eine Vollbild-App, die einen erstmal aus dem Arbeitsfluss reißt. Immerhin lassen sich diese Verknüpfungen einfach wieder auf die weiterhin vorhandenen Desktop-Programme wie den Windows Media Player oder den Bildbetrachter zurückändern.

Charms Bar
Andere Bereiche des nun fehlenden Startmenüs sind in die sog. Charms Bar gewandert. Dies ist ein ebenfalls im Stil der neuen Oberfläche gestaltetes Menü, das rechts auf dem Bildschirm eingeblendet wird, wenn man mit der Maus in die rechte obere Ecke fährt. Darüber lassen sich z.B. die weiter oben beschriebenen neuen Benutzereinstellungen aufrufen oder der Rechner herunterfahren.

Windows 8 Charms-Leiste

Windows 8 Charms-Leiste (Einstellungen)

Aero wurde entfernt
Die Aero-Optik mit transparenten Fenstern, 3D-Effekten und Schatten wurde in Windows 8 wieder entfernt. In früheren Vorabversionen war Aero noch enthalten und zwar in einer aufpolierten Form: Etwas dezentere 3D-Effekte und Schatten, wodurch alles etwas edler wirkte. Erst zum Ende hin “metrofizierte” Microsoft die Desktop-Oberfläche, entfernte Aero und vereinfachte das Aussehen der Oberfläche stark, um es an die neue Oberfläche anzugleichen. Beide Oberflächen wirken dadurch zwar nicht mehr so stark voneinander getrennt, aber es ist klar, dass Microsoft auch hier Abstriche beim Desktop zugunsten der neuen Oberfläche gemacht hat. Einen derben Designschnitzer hat sich Microsoft hierbei noch geleistet: Wenn man die Farbgebung sehr dunkel einstellt, ist der Fenstertitelleistentext nur noch schlecht oder gar nicht mehr zu lesen, da dieser immer die selbe dunkle Farbe behält und eine helle Farbhinterlegung wie bei Aero nicht mehr existiert.

Windows 8 Desktop

Windows 8 Desktop (dunkles Farbschema)

Wie man merkt, kommt man auch bei angepeilter reiner Desktop-Nutzung nicht an der neuen Oberfläche vorbei. Mindestens bei der Anmeldung, dem Starten von Programmen und dem Herunterfahren begegnet man ihr immer wieder. Microsoft macht die neue für Tablets und Touch optimierte Oberfläche auch auf dem Desktop zur unausweichlichen Pflicht und sorgt damit immer wieder für den Wechsel zwischen zwei völlig unterschiedlichen Oberflächen, die auf unterschiedliche Bedienkonzepte ausgelegt sind. Während sich der Desktop gut mit der Maus bedienen lässt, aber aufgrund kleiner Bedienelemente eher schlecht für eine Touch-Bedienung eignet, ist die neue Oberfläche für einen großen Desktop-Monitor mit Maussteuerung zu sperrig und plump.

Dabei wäre es technisch überhaupt kein Problem gewesen, die neue Oberfläche für den Desktop-Betrieb rein optional zu machen. In früheren Vorabversionen von Windows 8 konnte man das alte Startmenü noch aktivieren. Es wurde erst später komplett entfernt.

Aber ist das nicht die Zukunft?
Manche mögen argumentieren, dass die neue Oberfläche auf Dauer die Zukunft ist und der Desktop nur mehr der Unterstützung alter Software diene. Dem widerspreche ich aber, da bei dieser Überlegung die professionellen Nutzer vergessen werden. Zum einen wurde das Multitasking erschwert, vor allem weil die Anzeige mehrerer Anwendungen gleichzeitig fehlt. Damit fehlt der neuen Oberfläche das, was eigentlich den Namen “Windows” ausmacht, nämlich Fenster zu haben anstatt Vollbildanwendungen. Es fühlt sich an wie ein Schritt zurück Richtung MS-DOS. Zum anderen erlaubt einem die für Tablets und Touch optimierte Gestaltung der neuen Oberfläche nicht, viele Informationen auf einmal übersichtlich darzustellen. Für professionelle Arbeit wie z.B. Content-Erstellung ist die neue Oberfläche daher gänzlich ungeeignet.

Warum macht Microsoft das?
Hier stellt sich die Frage, warum Microsoft den Nutzern nicht einfach eine Wahlmöglichkeit lässt. Die Erklärung liegt auf der Hand: Microsoft versucht mit der neuen Oberfläche (auf Kosten der Deskop-Nutzer) im Smartphone- und Tablet-Bereich endlich Fuß zu fassen. Das wollen sie über ein reiches Angebot an Apps erreichen und dazu spannen sie nun den Desktop mit seiner großen Windows-Nutzerbasis ein. Die Rechnung: Wenn durch Vorinstallationen in absehbarer Zeit der Großteil der PCs mit Windows 8 läuft, ist auch der Anreiz für App-Entwickler höher, Apps dafür zu entwickeln, die dann ebenso auf Windows Phone (Smartphones) und Windows RT (Tablets) laufen. Die durch den Desktop stark gepushte Anzahl an Apps im Microsoft-App-Store soll dann als Kaufanreiz für Geräte mit Windows Phone und Windows RT dienen. Würde man die neue Oberfläche nun rein optional und komplett abschaltbar machen, sie dem Nutzer also nicht so penetrant aufs Auge drücken, würde sie evtl. auf dem Desktop schnell ein Schattendasein fristen und dann auch nicht mehr die gewünschte Beachtung durch App-Entwickler bekommen, wodurch auch die Kaufanreize für die portablen Geräte wegfielen. Microsoft nutzt also seine Quasi-Monopolstellung im Desktop-Bereich und instrumentalisiert den Desktop, um endlich einen Fuß in die Tür namens Smartphones und Tablets zu bekommen.

Es sollte sich also jeder Desktop-Nutzer fragen, ob er das wirklich unterstützen will. Je stärker der Protest gegen Windows 8 ausfällt, desto eher wird Microsoft einlenken und Windows 9 wieder desktop-freundlicher gestalten. Es wäre nun wirklich kein Problem gewesen, weiterhin ein Startmenü anzubieten und die neue Oberfläche komplett deaktivierbar zu machen. Die neue Oberfläche hat ihre Daseinsberechtigung auf Tablets und Hybrid-PCs, aber auf reinen Desktop-PCs wirkt sie im ständigen Wechsel mit dem Desktop einfach deplatziert und störend. “Optionen” ist hier das Zauberwort. Anstatt allen Nutzern die neue Oberfläche aufzuzwingen, sollten die damit verbundenen Änderungen optional sein. Wer die neue Oberfläche auch auf dem Desktop toll findet, soll sie gerne nutzen. Aber wer sie nicht nutzen möchte, sollte nicht dazu gezwungen werden.

Die erzwungende allgegenwärtige Inkonsistenz der Oberfläche(n) von Windows 8 ist es letztlich, die mir das neue Betriebssystem verdirbt. Ich hoffe, dass Microsoft spätestens mit Windows 9 einlenkt und Abhilfe schafft. Bis dahin bleibt Windows 7 eine exzellente Alternative für die Desktop-Nutzer.

One thought on “Windows 8

  1. entsetzt kann man sein.
    Wofür braucht man so was?
    wenn ich eine Tablet benötige kaufe ich ein Tablet-PC, wenn ich ein Büro-PC brauche kaufe ich mir einen.
    Ein SUV kann weder einen Kastenwagen noch einen Kleinwage ersetzen, deswegen hat man die Kategorie erfunden.
    Microsoft wäre gut geraten ein Mischsystem zu nennen, wo man dieses Salat haben könnte. Die Frage ist nur: wer kann das brauchen, und wofür?

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