Loudness War @ Musikindustrie

Ich habe mal versucht, mich in die Musikindustrie hineinzuversetzen und das Thema Loudness War aus deren Sicht zu betrachten, um mögliche Strategien zu finden, wie auch die Musikindustrie von einer Abkehr profitieren kann.

Der Loudness War ist Mitte der 1990er-Jahre entstanden, als bei der Produktion zunehmend auf digitale Signalverarbeitung gesetzt wurde. Schnell fand man heraus, dass digitale Limiter und Kompressoren weitaus potenter waren als bisherige analoge Lösungen. Der Versuch, lautere Alben als die Konkurrenz zu produzieren, geht dabei noch viel weiter zurück, wurde aber durch die analoge Schallplattentechnik im Zaum gehalten, da ab einer gewissen Lautheit die Nadeln angefangen hätten zu springen. Durch höhere Lautheit sollte ein Musikstück im Radio die Aufmerksamkeit des Hörers gewinnen und so die Verkäufe steigern. Man kann das mit einem Markt voller Marktschreier vergleichen, bei dem jeder versucht, lauter als der andere zu schreien, um dadurch die meisten Kunden anzulocken. Der Wunsch nach mehr Lautheit ist also aus finanzieller Sicht nachzuvollziehen, sofern man an die Wirkung glaubt.

Mit der Zeit wurden die Alben also immer lauter und alle haben mitgemacht aus Angst, durch geringere Lautheit nicht mehr genug aufzufallen und dadurch weniger zu verkaufen. Seit einigen Jahren haben wir ein Maß an Lautheit erreicht, das praktisch nicht mehr zu toppen ist. Die breite Mehrheit aller Rock- und Pop-Alben ist auf einem einheitlichen maximalen Lautheitsniveau angekommen. Der Versuch von einst, einen Wettbewerbsvorteil durch höhere Lautheit zu erlangen, hat sich als Sackgasse erwiesen. Vermutlich rückt nun niemand mehr vom einmal erreichten Lautheitsniveau ab, weil er Angst hat, dadurch einen Nachteil zu erleiden. Wenn schon kein Vorteil, dann zumindest auch kein Nachteil. So könnte die Logik in der Musikindustrie lauten.

Im Vergleich zu den 1980er-Jahren sind heutige Alben bis zu viermal Lauter, aber kurz vor Beginn des Lautheitskriegs Anfang der 1990er-Jahre wurde bereits der volle Dynamikumfang einer CD genutzt. Die Erhöhung der Lautheit wurde daher durch eine gleichzeitige Verringerung der Dynamik erkauft. Was Anfangs noch kaum ins Gewicht fiel, hat auf Dauer dazu geführt, dass Musik zu Klangwürsten gepresst wurde, denen jegliche Dynamik fehlt. Dem Wahn verfallen, ohne Rücksicht auf Verluste immer lautere Alben zu produzieren, wurde bewusst Klangqualität geopfert, bis zu einem Maße, dass am Ende nur noch Klangbrei übrig blieb. Gleichzeitig wurde die neue Lautheit dazu genutzt, ältere “leise” Alben erneut aufzulegen in einer sog. remasterten Form. Dem Hörer wurde suggeriert, dass sich die Klangqualität dadurch verbessert hätte. Augenscheinlich hatte sie das auch. Modernere Produktionsmethoden sorgten tatsächlich für mehr Pep. Muffelige Produktionen aus den 1980er-Jahren wurde mehr Bass und Treble verpasst und so klangen sie frischer. Gleichzeitig waren sie nicht mehr auffällig leiser als moderne Produktionen. Viele Kunden sahen dadurch in den Neuauflagen die bessere Version. Was ihnen nicht auffiel, war die gleichzeitige Reduzierung der Dynamik. Hätte man einfach die Originalversion in der Dynamik reduziert, ohne die Lautheit zu erhöhen und ansonsten auch keine zusätzlichen Effekte angewandt, hätte wohl die remasterte Version definitiv schlechter bei einem Vergleich abgeschnitten.

Auch heute im Jahr 2011 wissen wohl immer noch die wenigsten Hörer vom Loudness War. Die Musikindustrie reagiert trotz verstärkter Aktivitäten seitens privater und industriegestützter Initiativen wie Turn me Up! und der Pleasurize Music Foundation sehr träge. Alben mit hoher Dynamik findet man im Rock- und Pop-Bereich nach wie vor extrem selten. Dynamische Produktionen entstehen dabei eher nicht durch Zufall, sondern weil die Musiker auf das Thema aufmerksam geworden sind und explizit eine dynamischere Produktion gewünscht haben. Dies ist beispielsweise beim letzten Album von Guns N’ Roses, Chinese Democracy [DR10], der Fall. Der weltweit renommierte Masteringingenieur Bob Ludwig wies Axl Rose auf das Thema hin und bot ihm drei verschieden laute respektive dynamische Versionen des Albums an, woraufhin dieser sich für das Master mit der höchsten Dynamik entschied.

Die fehlende Forderung nach mehr Dynamik seitens der Hörer und die Angst, durch leisere Produktionen Umsatzeinbußen zu erleiden, sorgen für eine vertrackte Situation. Es erinnert an ein militärisches Wettrüsten, bei dem niemand den ersten Schritt zur Abrüstung machen möchte, aus Angst ins Hintertreffen zu geraten. Dabei könnte man “mehr Dynamik” sicherlich gut als Mehrwert verkaufen. Es ließen sich erneut remasterte Versionen auflegen und somit neue Umsätze generieren. Das Hauptproblem dabei stellt aber wohl dar, dass man damit gleichzeitig auch zugäbe, vorher einen Fehler gemacht zu haben. Denn heute gehen alle davon aus, dass uns die ausgereifte Digitaltechnik ein Maximum an Klangqualität liefert. Und zurecht müsste jeder Hörer den Kopf schütteln, wenn er erführe, was da seit Mitte der 1990er-Jahre mit der Musik passiert ist. Der mangelnde Wille zu so einem Schuldeingeständnis mag vielleicht maßgeblich dafür verantwortlich sein, weshalb die Musikindustrie das Thema bis heute weitgehend ignoriert.

Vielleicht wäre daher der beste Ansatz, das Thema gar nicht so an die große Glocke zu hängen. Man produziert einfach nach und nach etwas leisere Alben bis nach einigen Jahren wieder ein gesundes Maß an Dynamik erreicht ist. Den meisten Hörern wird dies genau so wenig auffallen wie ihnen der Anstieg an Lautheit aufgefallen ist. Für diejenigen die sich tatsächlich wundern, dass ein Album merklich leiser ist, könnte man dem Album Informationen beilegen, die erklären, dass die leisere Produktion ein bewusster Schritt war und der Verbesserung des Klangs diene. Gleichzeitig könnten bestehende Technologien zur Lautheitsvereinheitlichung bei der Wiedergabe wie ReplayGain oder Sound Check stärker gefördert werden, sodass es mittel- bis langfristig die Lautheit betreffend eh egal wäre, ob jemand eine alte Produktion aus den 1980er-Jahren, eine moderne laute Produktion oder eine zukünftige dynamische Produktion abspielt, da alle gleich laut wiedergegeben würden. Damit würde die Musikindustrie beweisen, dass ihr auch etwas an der Qualität der Musik liegt und nicht nur am Geld.

Ein weiterer (nicht ganz ehrlicher) Ansatz wäre es, mit dem verstärkten Einsatz neuer hochauflösender Formate wie Blu-ray auch gleichzeitig auf mehr Dynamik zu setzen. Dem Hörer könnte man dann suggerieren, dass die verbesserte Qualität an der höheren Auflösung liegt, was in Wirklichkeit natürlich Quatsch ist. Aber auf die Weise hätte man ein für den Laien glaubhaftes Argument und könnte das Schuldeingeständnis vermeiden. Das Problem hierbei ist nur, dass der Zug für neue physikalische Tonträgerformate wohl bereits abgefahren ist. Der Fokus liegt immer mehr auf Downloads und der Markt für hohe Auflösungen ist wohl eher gering. Die meisten Hörer werden der Meinung sein, dass ihnen verlustbehaftete Formate wie MP3 und AAC in mittelhoher Bitrate mit einem CD-Master als Quelle völlig reichen. Da ist es äußerst schwierig, eine ausreichend große Nachfrage nach besserer Qualität zu schaffen, um darüber gleichzeitig mit der Abrüstung zu beginnen. Sofern allerdings angestrebt sein sollte, Blu-ray langfristig als Nachfolger der CD zu etablieren oder auf hochauflösende Download-Formate zu setzen, wäre die Bereitstellung von mehr Dynamik der ideale Motor dafür.

Ich glaube zudem, dass ein größeres Bewusstsein für Qualität beim Hörer der Musikbranche deutlichen Aufwind verschaffen kann. Momentan kann Musik nur noch als Ramschprodukt bezeichnet werden, was auch daran liegt, dass der Fokus sich völlig von der Qualität entfernt hat. Die hochwertigen Stereoanlagen, die in den 1970er- und 1980er-Jahren noch in Wohnzimmern als Prestigeobjekte vorhanden waren, wichen zuerst billigen Kompaktanlagen und später Minilautsprechern in Laptop und Handy. Statt große Kopfhörer zu tragen, werden billige 5-Euro-Ohrstöpsel verwendet. Dass Musik dem Hörer auf diese Weise nicht mehr den vollen Wert vermitteln kann, sollte klar sein. Musik ist zwar allgegenwärtig aber auch belanglos geworden. Den Stellenwert von Musik wieder anzuheben, sollte daher sicherlich im Interesse der Musikbranche sein. Eine bessere Wiedergabetechnik bedeutet höhere Preise und damit höhere Gewinne. Gleichzeitig sorgt eine volle Dynamik für die Ausschöpfung des Potentials dieser besseren Wiedergabetechnik. Musik könnte eine klangliche Renaissance erleben, von der alle profitieren: Musikbranche und Hörer.

P.S.: Noch eine Frage an die Masteringingenieure: Was ist der konkrete Grund für die Lautmachung von Alben im Einzelfall? Fordert es der Auftraggeber explizit? Ist es vorauseilender Gehorsam, um nicht durch ein leises Master negativ aufzufallen? Oder geschieht es gar aus persönlicher Überzeugung? Dass ein Toningenieur nicht weiß, was die Dynamikreduzierung bewirkt, kann ich mir nicht vorstellen, daher interessiert mich wirklich, warum jemand so offensichtlich gegen sein Berufsethos verstößt.

Leave a Reply

Your email address will not be published.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>