Loudness War und Metal

Heute möchte ich mal wieder das Thema Loudness War rauskramen und von einer etwas anderen Seite beleuchten. Dieser Eintrag richtet sich vor allem an die Leute, denen Musik eigentlich nie laut genug sein kann und die sich daher fragen mögen, was denn an lauteren Alben auszusetzen sein soll. Ich beginne mit einer Analogie zur Veranschaulichung.

Die meisten Leute lieben gutes Essen. Restaurants sind auch zu Wirtschaftskrisenzeiten stets gut besucht. Dort kann man genießen und schlingt sein Essen im Gegensatz zu Fast Food für zwischendurch auf dem Sprung auch meist nicht hastig herunter, sondern genießt es. Warum tut man das? Weil es schmeckt, weil es lecker ist.

Nun stelle man sich aber vor, dass das Essen über einen Zeitraum von zehn Jahren stückweise im Geschmack reduziert wird. Weil Lebensmittelkonzerne der Meinung sind, dass es sich besser verkauft, wird das Essen allmählich immer fader und farbloser, bis nach zehn Jahren alles Essen nur noch eine einheitliche nahezu geschmacklose graue Paste ist. Da das Ganze nicht von heute auf morgen geschieht, sondern über den Zeitraum von zehn Jahren, fällt es am Anfang noch niemandem auf. Lediglich Feinschmecker bemerken es früh, werden aber von der breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Wie die zehn Jahre vergehen, vergessen die meisten Menschen, wie das Essen einmal geschmeckt hat und vermissen daher nichts. Eine neue Generation wächst heran, die gar nichts anderes mehr kennt als die fade graue Paste als Nahrung, die man zweimal täglich zu sich nimmt, um das Hungergefühl loszuwerden und nicht zu sterben.

Jetzt versuche man einmal, diesen Leuten zu erklären, dass ihre graue Paste nichts taugt und sie viel besser schmecken könnte. Besser schmecken? Was soll denn daran überhaupt schmecken? Was ist Schmecken? Man isst sie halt wenn man Hunger hat. Was soll man großartig darüber nachdenken, sie zu verbessern? Bessere fade graue Paste? Was soll das bringen?

Das Problem hier hat wohl jeder erkannt. Die Menschen haben sämtliches Gespür für Geschmack verloren. Begriffe wie “lecker” oder “gut schmecken” haben komplett ihre Bedeutung verloren und keiner kann sich überhaupt noch vorstellen was damit gemeint sein könnte und warum das etwas ist, das man vermissen oder zurückhaben sollte. Warum sollte etwas, das nicht wichtig ist, wichtiger sein?

Alles völlig absurd? Aber genau so ist es passiert. Nur nicht mit dem Essen, sondern mit der Musik. Dieses hoffentlich nachvollziehbare und anschauliche Beispiel mit dem Essen kann man nahezu 1:1 auf die Musikentwicklung ab Mitte der 90er-Jahre übertragen. Über einen Zeitraum von 5-10 Jahren wurde Musik, vor allem Metal, zunehmend flacher und unemotionaler. Damit meine ich jedoch nicht die Musik selbst, also das was die Musiker eingespielt haben, welche Texte sie geschrieben haben oder wie sich verschiedene Genres entwickelt haben, sondern die Art und Weise wie Musik letztendlich auf die Tonträger wie die CD kommt.

Im Grunde kann man den Live-Sound einer Band vollständig mit einer CD reproduzieren. Man könnte den CD-Player mit der Aufnahme an die Anlage eines Live-Auftritts anschließen und es würde wie das Original klingen, als stünde die Band gerade auf der Bühne.

Doch stattdessen wurde die Qualität von CD-Produktionen (und das schließt MP3-Downloads ebenso mit ein) mit der Zeit auf ein Niveau reduziert, dass zwischen CD- und Live-Version klanglich Welten liegen. Die CD-Version klingt flach, vermatscht und auf Dauer nervtötend. Es fehlt an Dynamik, an Aufs und Abs in der Musik, alles klingt gleich intensiv, seien es “leise” Intros oder “laute” Höhepunkte. Ich habe die beiden Worte deswegen in Anführungszeichen gesetzt, weil es in heutigen Metal-Produktionen gar kein wirkliches laut und leise mehr gibt. Was zunächst als “dauerlaut” gilt, und daher für den Metal-Fan zunächst auch als positiv empfunden werden mag, ist in Wirklichkeit ausdrucksarm, monoton und auf Dauer ermüdend. Die Double-Kick versohlt nicht mehr den Arsch und die Hi-Hats peitschen nicht mehr. Die Gitarrensoli versickern im Lärm und der Sänger kommt kaum gegen das weiße Rauschen der Rhythmusgitarre an, die ohnehin alles unter sich begräbt.

Wenn ich mir ein Album wie Reign In Blood von Slayer in der Originalfassung von 1986 anhöre, dann ist das nicht “leise”, sondern es knallt, knüppelt, quietscht und kracht überall. Da hat der Schlagzeuger noch eine echte Daseinsberechtigung. Dreht man das Album auf einer ähnlich alten guten Stereoanlage ordentlich auf, entfaltet sich ein ungeahntes Klangpotential. Da werden die eigenen vier Wände zum Moshpit.

Doch was passiert mit modernen CD-Produktionen? Was als “lauter” bezeichnet wird, ist nicht mit dem “lauter” zu verwechseln wie wenn man den Lautstärkeregler an der Anlage aufdreht, wenn einer zum anderen sagt: “Mach mal lauter.” Man spricht daher auch nicht von Lautstärke, sondern von Lautheit. Diese Lautheit wird teuer erkauft, nämlich indem ihr Dynamik geopfert wird.

Wenn man eine CD aus den 80er-Jahren einlegt und bei angenehmer Lautstärke abspielt und danach durch eine CD von 2005 der gleichen Band ersetzt und den Lautstärkeregler unverändert lässt, bekommt man möglicherweise einen Schock, denn sie ist um ein Vielfaches lauter. Da man die CD aus den 80er-Jahren zuvor auf eine angenehme Lautstärke eingestellt hatte, bleibt einem bei der neuen CD nur der reflexartige Griff zum Lautstärkeregler um diesen sofort ein ganzes Stück herunterzudrehen. Was hat einem in diesem Moment die lautere CD für einen Vorteil gebracht? Da man Musik ohnehin immer auf eine Lautstärke einstellt, die einem angenehm ist, hat eine lautere Aufnahme für den Hörer keinerlei Vorteile. Sie hat jedoch deutliche Nachteile, da ihre massiv erhöhte Lautheit wie bereits erwähnt nur durch die Opferung von Dynamik ermöglicht wird. Und Dynamik ist das, was Musik lebendig macht und emotional mitreißt. Dynamik ermöglicht ein differenziertes Klangbild, bei dem jedes Instrument/jeder Musiker voll zur Geltung kommen kann. Vor allem das Schlagzeug verliert durch reduzierte Dynamik stark an Druck. Es klingt nicht mehr hart und gibt dominant den Takt vor wie ein Pauker auf dem Sklavenschiff, sondern klingt wie ein vom Schiff geworfener ertrinkender Sklave, der versucht, noch etwas zu sagen bevor er untergeht. Ich merke bei neuen Metal-Produktionen oft, wie mir die Snare auffällt, indem sie mir gar nicht auffällt. Es kommt mir vor als wäre stattdessen ein Loch, wie ein Platzhalter, der lediglich “Snare hier” sagt. Das finde ich grauenhaft und ungenießbar. Das macht einfach keinen Spaß.

Ich hoffe, dass ich einigen, vor allem Metallern, verdeutlichen konnte, warum der Loudness War “böse” ist, Metal kastriert hat und “louder is better” auf der Bühne angemessen ist aber nicht auf der CD. Und wer jetzt noch meint, dass der Sound auf aktuellen CDs doch voll in Ordnung geht, dem wünsche ich guten Appetit mit der grauen Paste.

P.S.: Besorgt euch zum Vergleich die Originalfassungen alter Alben (nicht die remasterten Versionen!), hört sie LAUT auf einer guten Anlage und beobachtet was mit euch passiert. Zu meinen persönlichen Klangfavoriten zählen u.a. die Alben Horrorscope von Overkill und das schwarze Album von Metallica. Beide sind 1991 erschienen. Generell bin ich der Meinung, dass Anfang der 90er-Jahre ein Zenit an Produktionsqualität im Sinne von Klarheit und Dynamik erreicht wurde. Es gibt allerdings auch wenige löbliche moderne Ausnahmen. Hier sei das Album Epitaph von Necrophagist erwähnt, das 2004 erschienen ist.

P.P.S.: Hier noch ein paar Hörbeispiele.

Böhse Onkelz – Heilige Lieder (1992): klarer Sound mit starkem Schlagzeug [DR13]

Böhse Onkelz – Kinder dieser Zeit (2004): Schlagzeug verschwindet im Soundmatsch [DR6]

Metallica – One (1988): druckvoller Sound mit gut definiertem Schlagzeug [DR11]

Metallica – The Day That Never Comes (2008): maßlos übersteuert [DR2]

Metallica – The Day That Never Comes (2008): Version aus Guitar Hero mit voller Dynamik [DR11]

Necrophagist – Seven (2004): saubere Produktion mit guter Dynamik [DR10]

In den eckigen Klammern stehen die gemessenen Dynamikwerte (höher ist besser). Bei Metal sorgen Werte unter 8 grundsätzlich für deutliche Klangeinbußen. Ein Wert von 9 sollte möglichst erreicht werden. Moderne Produktionen liegen meist bei 5-7.

One thought on “Loudness War und Metal

  1. Danke für den guten Beitrag. Ich habe dich in meinem Blog verlinkt, da ich auch auf den loudness war zu sprechen kam. Earache Records haben anscheinend den Trend erkannt und bringen einige Alben als “Full Dynamic Range Edition” heraus. :)

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